Ältere Damen telefonieren lautstark über Facetime mit den Angehörigen – ohne Kopfhörer natürlich. Mittelalte Männer scrollen durch ihren Instagram-Feed – und lassen Videos laufen, ohne die Lautstärke herunterzupegeln. Das Phänomen Loudcasting kennt jeder, der regelmäßig in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist.
Über 70 Prozent der Jugendlichen finden laute Musik in Öffentlichkeit okay
Doch wenn es um laute Musik über Smartphone-Lautsprecher geht, sind es vor allem Jugendliche, die im öffentlichen Raum rücksichtslos Krach machen. Ein Unrechtsgefühl haben sie dabei offenbar nicht. Jedenfalls, wenn man einer Studie aus dem Jahr 2022 Glauben schenkt, die ein Artikel der BBC jetzt zitierte.
69 Prozent der befragten Personen zwischen 13 und 17 Jahren fanden es okay, in der Öffentlichkeit Videoanrufe zu machen. 73 Prozent hielten es für in Ordnung, in Bus und Bahn laut Musik zu hören. Sogar 83 Prozent sehen kein Problem darin, sich Videos ohne Kopfhörer anzuschauen.
Loudcasting als „Markierung des sozialen Territoriums“
Für den Physiologen Harry Witchel von der Universität Sussex ist es kein Zufall, dass gerade Jugendliche in der Öffentlichkeit mit lauter Musik auffallen. Schließlich lösen sie sich in der Pubertät von ihren Eltern und wenden sich Gleichaltrigen zu.
Mit ihrem geräuschvollen Auftreten wollen sie sagen „Ich bin da“ wie Harry Witchel gegenüber der BBC erklärt. Der Wissenschaftler hält das juvenile Loudcasting für ein „faszinierendes menschliches Phänomen der Markierung des sozialen Territoriums“.
Loudcasting als Strategie zur Kontaktaufnahme
Auch Rachael Kent vom King’s College in London hält Loudcasting für eine Art der Rebellion. Die Expertin für digitale Ökonomie und Gesellschaft sieht das laute Abspielen von Musik aber nicht nur als Provokation, sondern auch als einen Weg, Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen.
„Auf dem Weg zur Schule und zurück nutzen sie gemeinsam mit Freunden öffentliche Verkehrsmittel und erleben dabei gemeinsam ihre mobilen Geräte“, sagte sie Kent zur BBC. Sie bezeichnet Loudcasting als Möglichkeit für Jugendliche, sich auszudrücken und ihren musikalischen Geschmack zu teilen.



