Die Plattform speist sich aus Millionen von Beobachtungen, die von tausenden Kameras und Sensoren an der ukrainischen Front gesammelt wurden. Nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums verarbeitet Avengers Labs inzwischen mehr als 100.000 Drohnenvideostreams pro Monat und erkennt rund 70 Prozent der auftauchenden gegnerischen Ziele. Die Daten stammen aus dem sogenannten Universal Military Dataset, einer manuell gelabelten Sammlung echter Kampfbilder von Drohnen und akustischen Sensoren, die zum Training von Modellen zur Klassifizierung von Panzern, Drohnen oder Artillerie genutzt wird.
Das Projekt hat seinen Ursprung in den KI-Projekten der ukrainischen Streitkräfte, die schon 2022 begannen. Ein ukrainischer Drohnensoldat berichtete damals, dass die Ukraine neuronale Netze mit bereits vorhandenen Drohnenaufnahmen trainiere. Ziel sei die automatische Erkennung russischer Soldaten und Fahrzeuge und damit eine Beschleunigung des militärischen OODA-Prozesses (“Observe, Orient, Decide, Act”).
Warum gelabelte Gefechtsdaten die eigentliche Knappheit sind
Bislang wurden diese Daten nur mit heimischen Unternehmen geteilt und verschafften ukrainischen Drohnenherstellern einen Vorsprung gegenüber ausländischen Konkurrenten, deren Bilderkennung oft mit synthetischen Daten trainiert wurde und im Gefecht schlechter abschnitt. “Hochwertige, gelabelte Gefechtsdaten sind eine der größten Beschränkungen bei der Entwicklung zuverlässiger KI für autonome Systeme”, sagt Misha Nestor vom ukrainischen Drohnensoftwareunternehmen Swarmer laut FT. Ukraine habe etwas angesammelt, das anderswo nur schwer zu replizieren sei. Bereits im März hatte die Ukraine angekündigt, Verbündeten diese Gefechtsdaten für das KI-Training bereitzustellen, um die Entwicklung autonomerer Systeme zu beschleunigen.
Großbritanniens Militär interessiert sich laut FT besonders für Daten akustischer Sensoren, die anfliegende russische Drohnen identifizieren und richtig trainiert deutlich genauer als Radar sein können. Laut britischer Regierung sind bereits Pilotprojekte mit drei britischen Start-ups angelaufen: Sintela aus Bristol, Mind Foundry aus Oxford und Skyral aus London. Eine erste Technologie verwandelt vergrabene Glasfaserkabel in einen KI-gestützten Sensor, der Militärbasen und künftig auch Flughäfen oder Bahnanlagen schützen soll. Ein zweites Projekt soll stromsparende KI-Chips für Drohnen und autonome Systeme entwickeln. Der Deal folgt auf Burnhams Ankündigung, dass der Rüstungskonzern MBDA klassifizierte Informationen zu britischen Komponenten der Marschflugkörper SCALP für Montagelinien in der Ukraine freigeben darf.
Vom Zieltracking zur autonomen Zielauswahl
Wofür solche Daten letztlich verwendet werden, zeigt die Entwicklung der Drohnenautonomie, bei der drei Stufen zu unterscheiden sind: autonome Navigation ohne GPS, die sogenannte Last-Mile-Zielverfolgung, bei der ein Mensch das konkrete Ziel wählt und die KI es danach verfolgt, sowie die autonome Zielauswahl, bei der die Maschine selbst entscheidet, welches Objekt sie angreift.
Die ersten beiden Stufen sind im Ukrainekrieg längst im Einsatz. So traf bereits 2024 ein ukrainischer FPV-Drohne nach Abbruch der Funkverbindung selbstständig einen zuvor ausgewählten russischen Panzer, ein Beispiel für die wichtige Last-Mile-Abgrenzung. Die dahinterstehende Technologieklasse aus Computer Vision und Zieltracking trotz gestörter Verbindung beschrieb Auterion mit seinem Drohnen-Chip Skynode S. Auterion und SkyFall begannen im Juli 2026 mit der Auslieferung von 50.000 solcher Angriffsdrohnen. Ukrainische Abfangdrohnen arbeiten nach Regierungsangaben zu rund 95 Prozent autonom, und Swarmer-Software koordiniert Drohnenschwärme in über 100 realen Einsätzen.
Die dritte Stufe steht nun im Zentrum eines Berichts der New York Times: Demnach tötete eine russische Molniya-Drohne im Juli in der Stadt Saporischschja drei Zivilisten, darunter die 19-jährige Studentin Tetiana Bubynets. Die Bediener hatten die Drohne auf eine Tankstelle programmiert, doch in deren Nähe habe die Software selbst das konkrete Ziel gewählt, vermutlich Propantanks.
In den Trümmern fand ein forensisches Team einen kommerziell erhältlichen Minicomputer vom Typ Nvidia Jetson Orin, der die Zielentscheidung getroffen habe. Kateryna Bondar vom CSIS bezeichnet den Angriff als ersten dokumentierten Fall, bei dem eine russische Drohne mit einem selbstselektierenden KI-System zivile Todesopfer verursacht habe.
Der Nvidia-Chip allein beweist allerdings keine autonome Zielentscheidung. Entscheidend sind laut den ukrainischen Ermittlern die Kombination aus fehlendem Funklink der Drohne mit dem Operator und dem auf dem Rechner untersuchten Code samt Trainingsmaterial. Auch ist es nicht der erste autonome tödliche Drohnenangriff weltweit, sondern der erste dokumentierte russische Fall mit zivilen Opfern.
Zudem ist die Ukraine keineswegs nur Opfer dieser Entwicklung: Der kürzlich entlassene Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow sagte der NYT, Ukraine habe über mehrere Monate ein vollständig autonomes KI-System auf der besetzten Krim getestet, das Treibstofflager und Militärgerät angriff. Zivile Opfer habe es dabei nicht gegeben.
Zuvor hatte das Land seit 2023 schrittweise KI-gestützte Drohnen eingeführt, von der 2023 eingeführten autonomen Angriffsdrohne Saker Scout, die militärische Objekte selbst erkennen und im autonomen Modus angreifen sollte, über Auterions Skynode-S-Technologie bis hin zu den regelmäßig eingesetzten Drohnenschwärmen. Noch im April 2026 hieß es in einem Überblick zu ukrainischen Bodenrobotern, vollständige Autonomie existiere auf dem ukrainischen Schlachtfeld nicht, eine Einschätzung, die durch die später bekannt gewordenen Tests inzwischen ergänzungsbedürftig ist.





