In der Serie „Start-up-Check!“ nehmen wir regelmäßig die Geschäftsmodelle von Start-ups unter die Lupe. Was steckt hinter dem Unternehmen? Was macht das Start-up so besonders und was gibt es zu kritisieren? Heute: circular.fashion.
Start-ups: Das klingt nach Erfindergeist, Zukunftstechnologien, neuen Märkten. Doch in der Realität erweisen sich viele der Neugründungen leider oft als eine Mischung aus einer E-Commerce-Idee, planlosen Gründern und wackeligen Zukunftsaussichten.
Dabei gibt es sie durchaus: die Vordenker, die an den großen Problemen tüfteln und Geschäftsmodelle revolutionieren. Sie zu finden und vorzustellen, ist die Aufgabe des Formats „Start-up-Check“. Heute: circular.fashion, ein Berliner DeepTech-Start-up.
Was steckt hinter circular.fashion?
- Branche: Fashion Tech / CleanTech / Circular Economy
- Gründer: Ina Budde (CEO) und Mario Malzacher
- Gründungsjahr: 2017
- Geschäftsmodell: B2B-Software-Plattform, die Materiallieferanten, Modemarken, Konsumenten, Sortierer und Recycler vernetzt
- Ziel: Vollständig zirkuläre Textilindustrie durch digitale Produktpässe, Designstandards und Recycling-Infrastruktur
Von den jährlich weltweit produzierten 100 Milliarden Kleidungsstücken wird laut Zahlen des EU-Parlaments nur ein Prozent hochwertig recycelt – Faser zu Faser, ohne Qualitätsverlust. Zwölf Prozent werden downgecycelt, also zu minderwertigeren Produkten verarbeitet.
Der Großteil landet auf Deponien, wird verbrannt oder in Entwicklungsländer exportiert. Die Textilindustrie ist für zehn Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich – mehr als die internationale Luft- und Seeschifffahrt zusammen.
All diese Zahlen sind erschreckend und belegen die nahezu exzessive und nicht nachhaltige Ressourcenverschwendung der Modeindustrie. Das Berliner Start-up circular.fashion will dieses Ungleichgewicht beenden.
Mit einer digitalen Plattform, die alle Akteure der Wertschöpfungskette verbindet, schafft das Unternehmen die Voraussetzung für echtes Faser-zu-Faser-Recycling. Das Versprechen: Die Produkte von heute werden die Ressourcen von morgen.
circular.fashion: Von der Designerin zur Systemveränderin
Hinter dem Unternehmen steht Ina Budde, eine Modedesignerin, die während ihres Studiums erkannte, dass nachhaltige Einzelprodukte nicht ausreichen.
Sie identifizierte strukturelle Barrieren, die alle Modemarken treffen: fehlendes Wissen über recyclingfähiges Design und fehlende Infrastrukturen, damit Materialien und Produkte im Kreislauf bleiben.
Als unabhängige Beraterin für Nachhaltigkeit und kreislauffähiges Design baute Budde zunächst ein Netzwerk von innovativen Materialherstellern und Textilrecyclern auf. Parallel lehrte sie an internationalen Hochschulen – von Hamburg bis Melbourne – Sustainable Design und Circular Economy.
2017 gründete sie gemeinsam mit Mario Malzacher, einem Wirtschaftsinformatiker mit Erfahrung in Logistik und Prozessmanagement, circular.fashion in Berlin.
Die Technologie: Ein digitales Ökosystem für Kreislaufwirtschaft
Das Geschäftsmodell ist klar B2B-orientiert: Modemarken zahlen für den Zugang zur Software, für Workshops und Zertifizierungen. Das Start-up ist dabei keine klassische Beratung, sondern eine Innovationsagentur und Software-Plattform, die drei zentrale Herausforderungen der Textilindustrie adressiert:
1. Circular Design Software (CDS)
Designer und Marken können über die Plattform recyclingfähige Produkte gestalten. Eine Materialdatenbank enthält hunderte sorgfältig geprüfter Stoffe und Zutaten, die für Faser-zu-Faser-Recycling geeignet sind. Der Produktkonfigurator gibt Designern in Echtzeit Feedback, wie recyclingfähig ein Kleidungsstück ist.
2. Die circularity.ID – der digitale Produktpass
Jedes Kleidungsstück, das über die Plattform gestaltet wurde, erhält einen scanbaren QR-Code. Dieser digitale Pass speichert die vollständige Material- und Produktinformation: Welche Fasern wurden verwendet? Wie ist das Produkt konstruiert?
- Für Konsumenten bedeutet das: Transparenz über die Herkunft und den ökologischen Fußabdruck eines Produkts. Ein Smartphone-Scan zeigt, wo das Kleidungsstück zurückgegeben werden kann und wie es recycelt wird.
- Für Altkleidersortierer bedeutet das: Sie können Textilien eindeutig identifizieren und an die richtigen Recyclingunternehmen weiterleiten. Bisher scheiterte hochwertiges Recycling oft daran, dass Sortierer nicht wussten, aus welchen Materialien ein Kleidungsstück besteht – Etiketten fehlen, sind ausgewaschen oder unvollständig.
3. Reverse Supply Chain Intelligence
Die Plattform vernetzt die Rückführungskanäle. Läden für nachhaltige Mode, Marken und Recyclingunternehmen werden Teil eines Systems, in dem ausgemusterte Kleidung nicht im Müll, sondern in neuen Fasern landet. Circular.fashion testet portofreie Rücksendeaufkleber, die online abgerufen werden können.
Global Change Award und Partnerschaften
2019 gewann Budde mit ihrer Firma den Global Change Award der H&M Foundation, eine Auszeichnung für nachhaltige Innovation in der Modeindustrie. Das Preisgeld von 200.000 Euro ermöglichte es dem Team, Branchenexperten einzustellen und die Technologie weiterzuentwickeln.
In den vergangenen Jahren hat circular.fashion Unternehmen weltweit begleitet und international Professionals geschult. Zu den Kunden zählen die Otto Group, Zalando, H&M, C&A oder Intersport.
Zalando etwa nutzt die Plattform, um als Katalysator für seine Retail-Partner zu fungieren – als Botschafter und Wissensvermittler für zirkuläre Mode.
Pilotprojekte laufen mit Modelabels wie Myrka Studios aus Berlin und Jan’n June aus Hamburg. Deren Kleidungsstücke tragen bereits die circularity.ID und sind auf dem Markt erhältlich.
Aktuelle Projekte und regulatorischer Rückenwind
2026 ist für circular.fashion ein entscheidendes Jahr. Die EU hat neue Regeln gegen die Vernichtung unverkaufter Kleidung und Schuhe beschlossen. Ab dem 19. Juli 2026 müssen große Unternehmen entsprechende Vorgaben erfüllen. Das passt direkt zur Lösung des Start-ups: Rückverfolgbarkeit, Produktdesign und Kreislaufmodelle.
Aktuell arbeitet das Start-up gemeinsam mit Fashion for Good an dem Projekt „Closing the Footwear Loop“ – einer Roadmap für zirkuläres Schuhdesign. Kriterien wie sichere Materialien, Recyclability, Haltbarkeit und Reparierbarkeit stehen im Fokus.
Zudem skaliert circular.fashion die circularity.ID und rollt ID-basierte Sortierstationen in Recyclinganlagen aus. Ziel sei es, einen globalen Standard für digitale Produktpässe für Textilien zu etablieren.
Circular.fashion: Finanzierung und Wettbewerb
Die bisherige Finanzierung kam unter anderem aus dem Global Change Award 2019, dem Berliner Startup-Stipendium der Freien Universität Berlin und weiteren Förderungen. Weitere Auszeichnungen wie der Next Economy Award 2015, der Bundespreis Ecodesign 2016 und der Lavera Green Fashion Award 2015 haben dem Unternehmen Sichtbarkeit und Glaubwürdigkeit verschafft.
Im Bereich digitaler Produktpässe und Recycling-Infrastruktur gibt es inzwischen mehrere Player. Reverse Resources, ebenfalls ein Global Change Award-Gewinner, kartiert und handelt mit Textilabfällen.
CircularFabrics entwickelt Technologien für das Recycling von Nylon aus gemischten Textilabfällen. Refiberd nutzt KI, um die Faserzusammensetzung in Kleidungsstücken zu identifizieren.
Circular.fashion hat jedoch einen Vorsprung durch seine ganzheitliche Plattform: Während viele Wettbewerber sich auf ein Glied der Kette konzentrieren, deckt Ina Budde mit ihrem Team Design, Zertifizierung, digitale Produktpässe und Recycling-Vernetzung ab.
Wenn es dem Berliner Start-up gelingt, seinen Standard als Branchenstandard zu etablieren, könnte circular.fashion tatsächlich das fehlende Bindeglied werden, das die Modeindustrie von linear zu zirkulär transformiert.
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