Die EU und die Bundesregierung treiben die Entwicklung von 6G voran. Der neue Mobilfunkstandard soll ab 2030 nicht nur Daten übertragen, sondern per Radar auch die Umgebung erfassen können. Datenschützer warnen bereits jetzt vor einer lückenlosen Überwachung, bei der selbst Menschen ohne Smartphone erfasst werden könnten. Auch eine 6G-Apokalypse und ein Streit um knappe Frequenzen erscheinen vorprogrammiert. Eine kommentierende Analyse.
Was ist 6G?
- Die Bundesregierung und die EU sind im 6G-Fieber. Die Europäische Kommission arbeitet etwa daran, 6G als neuen Mobilfunkstandard zu etablieren und Europa darauf vorzubereiten, um bei der nächsten digitalen Infrastruktur unabhängig zu sein. Ziel ist es, 6G bis 2030 zum Einsatz zu bringen, um deutlich höhere Datenraten, geringere Verzögerungen und eine stärkere Vernetzung von Geräten zu ermöglichen. Die Technologie soll vor allem für Anwendungen wie KI, autonome Fahrzeuge, die Robotik und die Verbindung von Mobilfunk mit Satellitennetzen wichtig werden. Anders als bei früheren Generationen geht es bei 6G also nicht nur um schnelleres Smartphone-Internet, sondern um eine digitale Infrastruktur für eine vernetzte Industrie und Gesellschaft.
- Der Mobilfunk steht mit der geplanten Einführung von 6G vor einem epochalen Umbruch. Datenschützer warnen jedoch vor erheblichen Risiken. Denn 6G soll künftig nicht nur Daten übertragen, sondern mithilfe von Integrated Sensing and Communication (ISAC) auch die Umgebung erfassen können. Forscher des Barkhausen-Instituts in Dresden tüfteln deshalb seit Jahren an technischen Lösungen, um die Technologie sicher, vertrauenswürdig und datenschutzkonform nutzbar zu machen. Kritiker argumentieren derweil, dass das obere 6-GHz-Band für WLAN in Kombination mit Glasfaser grundsätzlich einen größeren unmittelbaren Nutzen bringen könnte.
- ISAC gilt als eine der Schlüsseltechnologien von 6G. Mobilfunknetze dienen damit nicht mehr nur der Kommunikation, sondern können dadurch gleichzeitig ihre Umgebung erfassen. Mithilfe der Technologie lassen sich etwa ohne technischen Zusatzaufwand Fahrzeuge erkennen, Drohnen orten, Produktionsanlagen überwachen oder Rettungseinsätze unterstützen. Mit diesen Möglichkeiten entstehen aber auch neue Risiken. Denn anders als bisher können künftige 6G-Netze Bewegungen oder Informationen von Personen erfassen – selbst wenn diese kein Endgerät nutzen. Die unabhängigen Datenschutzaufsichtsbehörden des Bundes und der Länder fordern deshalb, Datenschutz und Grundrechtsschutz bereits bei der Entwicklung mitzudenken.
Die eierlegende Wollmilchsau 6G
Kaum ist 5G überhaupt im Alltag angekommen, schwärmen die Politik und die Industrie schon von 6G. Dabei sind viele der versprochenen Vorteile des neuen Mobilfunkstandards wie autonomes Fahren, ein europäisches Satellitennetz oder digitalisierte Städte und Industrien allenfalls in Ansätzen erkennbar.
Die feuchten 6G-Träume der Politik und Wirtschaft sind deshalb vor allem Zukunftsfantasien, die sich oftmals leider besser verkaufen lassen als die Realität und der gelebte Alltag. Zugegeben: Das Potenzial von 6G ist enorm, denn es geht nicht nur darum, Daten zu übertragen, sondern unterschiedliche Technologien miteinander zu vernetzen. Die Risiken sind aber mindestens ebenbürtig.
Oder: Was soll bei einem neuen visionären Mobilfunkstandard, der KI-Agenten und Radarsignale direkt ins Netz steckt, um Objekte, Signale und Bewegungen zu analysieren, schon schiefgehen? Ich mach’s kurz: 6G ist eine eierlegende Wollmilchsau!
Denn als hätten KI-Unternehmen in ihren Agenten und Chatbots bereits den Fehlerteufel ausgetrieben, der aktuell einen Datenschutzalbtraum nach dem anderen aus dem Hut zaubert, schwadronieren die Politik und die Industrie von einem Mobilfunkstandard, der alles können soll – nur vermutlich nichts richtig. Klar: Ein rechtzeitiger Blick in die Zukunft und entsprechende Vorbereitungen sind unabdingbar.
Aber je mehr Aufgaben 6G übernehmen soll, desto komplexer wird der neue Mobilfunkstandard – und damit auch seine Fehleranfälligkeit. Hinter all den großen Visionen steckt zwar großes Potenzial. Doch wirklich durchdacht wurde 6G von vielen noch nicht. Noch nicht einmal bei den knappen Funkfrequenzen, auf die sowohl Mobilfunk- als auch WLAN-Anbieter angewiesen sind. Vom Datenschutz ganz zu schweigen.
Stimmen
- Dorothee Bär, Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt, erörterte bereits Ende 2025 die Pläne der Bundesregierung: „Die Forschung von heute schafft die Basis für die Wertschöpfung und für technologische Souveränität von morgen. Wir wollen bei 6G zu den Technologieführern gehören. Der neue Mobilfunkstandard hat das Potenzial, unser technologisches Ökosystem neu zu definieren, mit enormen Sprüngen bei Performance, Sicherheit und Nachhaltigkeit. Es gilt jetzt, die strategischen Weichen zu stellen, denn 6G ist ein wichtiger Innovationsmotor für Deutschland.“
- Tobias Keber, Landesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit Baden-Württemberg und Vorsitzender der Datenschutzkonferenz 2026, warnt in einem Statement: „Wenn potenziell jedes mobile Endgerät eine Radarfunktion erhält und im Zusammenspiel mit der jeweiligen Basisstation die Personen und Objekte im Raum scannen und wahrnehmen kann, gibt es kaum noch Räume, in denen wir unbeobachtet sein können. Daher sollten wir den Einsatz dieser neuen Technik regeln, das Sinnvolle ermöglichen und das Gefährliche ausschließen.“
- Lisia Mix-Bieber, Leiterin für Bundes- und Europapolitik beim Bundesverband Breitbandkommunikation (BREKO), kritisiert die Pläne: „Dass die Bundesregierung die wertvollen Frequenzen im oberen 6-GHz-Band exklusiv dem Mobilfunk vorbehalten will, beruht auf einer fatalen Fehleinschätzung und ist eine herbe Enttäuschung für den Digitalstandort Europa. Statt die kostenfreie WLAN-Nutzung zu stärken und die dank Glasfaser möglichen Bandbreiten effizient auf alle mobilen Geräte zu bringen, würde eine Reservierung der Frequenzen für die Mobilfunkkonzerne kurzfristig gar keinen Nutzen bringen und langfristig, wenn überhaupt, die Netzabdeckung in Ballungsräumen marginal verbessern.“
Wann kommt 6G?
6G ist absolute Zukunftsmusik! Bis der Mobilfunkstandard wirklich im Alltag ankommt, dürften noch mindestens fünf Jahre vergehen. Absurd: Während die Politik und Industrie schon freudestrahlend in die Zukunft blicken, sind noch nicht einmal bestehende Probleme wie der Glasfaserausbau oder die Digitalisierung der Verwaltung gelöst. Ungestopfte Funklöcher gibt es ebenfalls noch.
Viele Systeme funktionieren zudem noch längst nicht autonom. Sprich: Es fehlt an allen Ecken und Enden an den Grundlagen von 6G. Umso erfreulicher ist es, dass vor allem unabhängige Institutionen bereits jetzt das Thema Datenschutz im Blick haben. Was in der politischen Debatte ebenfalls untergeht: 6G lässt sich nicht einfach per Knopfdruck oder Update umsetzen.
Im Gegenteil: Es braucht neue Antennen, Funkmasten, Rechenkapazitäten und Netzinfrastrukturen, die Milliarden und viel Zeit verschlingen werden. Natürlich ist es sinnvoll, früh an der nächsten Mobilfunkgeneration zu feilen. Doch das darf keinesfalls zulasten aktueller Baustellen gehen.
Für die Industrie mag 6G vielleicht eine Investition in die Wettbewerbsfähigkeit und Zukunft sein. Für Otto Normalverbraucher bleibt der Mehrwert aber überschaubar. Dass sich die Technologie langfristig durchsetzen wird, ist trotzdem wahrscheinlich. Spannender als die Frage, ob 6G kommt, sind aber vielmehr das Wie und die Frage, wofür die Technologie am Ende tatsächlich eingesetzt wird.
Nach einer vielerorts heraufbeschworenen 5G-Apokalypse, die nie eingetreten ist, scheinen traurigerweise aber auch bei 6G Verschwörungstheorien schon vorprogrammiert zu sein. Vielleicht irgendwas mit Gedankenkontrolle oder künstlichen Krankheiten zur Bevölkerungsreduktion? Mal schauen, wie dieser Artikel altert.
Auch interessant:





