4K, langer Unfallvorlauf und Superkondensator statt Akku: Die Dashcam 70mai A810S verbessert den Vorgänger sinnvoll, aber nicht an allen Stellen. Reicht das trotzdem?
Die 70mai A810S ist eine überarbeitete A810 und keine vollständig neue Dashcam. Der Sony-Starvis-2-Sensor bleibt, ebenso die Auflösung mit 4K vorn. Neu sind vor allem der Superkondensator statt des Akkus, Wi-Fi 6 und eine deutlich längere gepufferte Notfallaufnahme. Das macht die A810S im Alltag praktischer, während die reine Bildqualität gegenüber dem Vorgänger nur moderat zulegt.
Im Praxistest muss die Dashcam zeigen, ob sich die Investition von rund 220 Euro lohnt.
Design und Montage
Optisch bleibt sich 70mai treu. Die A810S ist eine kompakte, schwarze Dashcam mit einem breiten Gehäuse – ähnlich wie auch das Vorgängermodell. Sie misst etwa 89 x 60 x 37 mm (B x H x T) und lässt sich dank ihrer Keilform vergleichsweise unauffällig hinter oder neben dem Innenspiegel platzieren. Auf der Rückseite sitzt ein IPS-Display mit 3 Zoll, das allerdings kein Touchscreen ist, sondern über Tasten darunter bedient wird. Theoretisch ist das während der Fahrt sogar ein Vorteil, da man ohne direktes Hinschauen Tasten erfühlen kann. Die vier Funktionstasten sind alle gleich groß und gleich geformt – eine hervorstechende, große Notfalltaste zum schnellen manuellen Sichern einer Aufnahme gibt es nicht.
Die mitgelieferte Halterung wird über eine Klebelösung an der Windschutzscheibe befestigt. Deren Montage ist unkompliziert, da das breite Sichtfeld mit 146 Grad nicht nur dafür sorgt, dass die Kamera viel sieht, sondern auch dafür, dass sie vergleichsweise frei an der Scheibe positioniert werden kann. Die Kamera selbst kann anschließend auf Wunsch problemlos von der Halterung gelöst werden. Dafür müssen dann aber auch alle Kabel entfernt werden, da diese in die Kamera und nicht in die Halterung eingesteckt werden.
Bei Nutzung einer Heckkamera steigt der Montageaufwand weiter. Das lange Verbindungskabel muss bis in den hinteren Fahrzeugbereich geführt und möglichst unter Verkleidungen versteckt werden. Im Gegenzug gibt es keine Funk-Interferenzen. Für Parküberwachung oder 4G-Funktionen benötigen Interessenten zusätzlich ein Hardwire-Kit. Den Anschluss am Sicherungskasten sollte man ohne Erfahrung mit Fahrzeugelektrik einem Fachbetrieb überlassen.
Ausstattung
Technisch ordnet sich die A810S in der gehobenen Mittelklasse ein. Die Frontkamera zeichnet mit 3.840 × 2.160 Pixeln bei 30 Bildern pro Sekunde auf. Als Sensor dient weiterhin Sonys Starvis 2 IMX678 im 1/1,8-Zoll-Format. Dazu kommen HDR, ein Objektiv mit Offenblende F1.7 und ein Blickwinkel von 146 Grad.
Gegenüber der A810 fallen die Änderungen bei der Bildhardware gering aus: Der Sensor bleibt derselbe, die Lichtstärke steigt leicht von F1.8 auf F1.7. Neu beziehungsweise weiterentwickelt hat 70mai vor allem die Bildverarbeitung, darunter MaiColor Vivid+ Solution und Night Owl Vision. Laut Hersteller sollen diese Funktionen Belichtung, Rauschverhalten und die Darstellung bei schwierigen Lichtverhältnissen verbessern.
Für die Heckansicht ist die Heckkamera RC24 im Paket enthalten; außerdem gibt es eine außen montierbare RC23, die für den Test aber nicht vorlag. Beide arbeiten mit Sony IMX662 als Sensor, HDR und 30 Bildern pro Sekunde. Die Auflösung liegt allerdings nur bei 1.920 x 1.080 Pixeln, also Full-HD. Das reicht für einen Überblick über das Verkehrsgeschehen hinter dem Auto aus.
Die Aufnahmen speichert die A810S auf einer microSD-Karte mit bis zu 512 GB Kapazität und komprimiert sie mit H.265. Bei längeren Fahrten und dem parallelen Betrieb von Front- und Heckkamera empfiehlt sich eine schnelle, für Dashcams geeignete Speicherkarte mit hoher Ausdauer.
Die Länge der einzelnen Clips lässt sich auf eine, zwei oder drei Minuten einstellen. Ältere Aufnahmen überschreibt die Kamera allerdings erst, wenn die Speicherkarte nahezu voll ist. Bei einer großen Karte können sich daher über längere Zeit zahlreiche Fahrten ansammeln. Das ist unter Datenschutzgesichtspunkten problematisch, weil auch unbeteiligte Personen und deren Fahrzeuge aufgezeichnet werden können. Andere Hersteller gehen teils restriktiver vor: Bei einigen Modellen von Garmin oder Nextbase lässt sich die Anzahl der gespeicherten Clips auf wenige Dateien begrenzen. Dadurch werden ältere Aufnahmen deutlich früher überschrieben.
GPS ist direkt in die A810S integriert. Die Kamera kann daher Verlauf, Geschwindigkeit und Zeit der Fahrt protokollieren. Obendrein gibt es kamerabasierte ADAS (Advanced Driver Assistance Systems). So warnt sie akustisch unter anderem beim Verlassen der Fahrspur, bei zu geringem Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug und vor erkannten Fußgängern. Im Test funktionierten die Warnungen nach korrekter Kalibrierung grundsätzlich ordentlich, allerdings sind sie weniger zuverlässig als fest im Auto installierte Systeme.
Positiv ist Wi-Fi 6 – wenn auch nur im 2,4-GHz-Band. Im direkten Vergleich mit dem Vorgänger A810 und dessen älterem Wi-Fi-Standard sind die Übertragungsraten beim Herunterladen von Inhalten aufs Smartphone deutlich schneller. Trotzdem brauchen die 4K-Aufnahmen teils sehr lang für den Download aufs Handy.
Bedienung und App
Für Einrichtung und umfangreiche Konfiguration ist die 70mai-App vorgesehen, die es für Android und iOS kostenlos gibt. Die A810S baut dazu eine lokale WLAN-Verbindung zum Smartphone auf. Erste Kopplung und anschließende Einrichtung verliefen unkompliziert.
In der App lassen sich Aufnahmen ansehen, herunterladen und teilen. Dazu kommen die wichtigsten Kameraeinstellungen. Auflösung, Schleifenaufnahme, Empfindlichkeit des G-Sensors sowie Parkfunktionen können dort angepasst werden. Auch das ADAS wird über die App konfiguriert und kalibriert. Bei angeschlossener Heckkamera lassen sich die Bilder beider Kameras anzeigen. Auf dem Display der A810S steht dafür ebenfalls eine Bild-in-Bild-Ansicht bereit, die aufgrund der geringeren Displaygröße aber etwas klein ausfällt. Die Menüstruktur ist ausreichend übersichtlich.
Eine Sprachsteuerung ist ebenfalls vorhanden. Mit ihr können Nutzer Foto- oder Videoaufnahmen speichern und eine Audioaufnahme steuern. Für deutsche Nutzer ist ihr Wert begrenzt, da die A810S nur Englisch und Mandarin versteht.
Bildqualität
Bei Tageslicht sind Aufnahmen der A810S stark. Die Frontkamera zeichnet Fahrbahn, Beschilderung sowie Fahrzeuge scharf und detailreich auf. Dank der hohen Auflösung bleiben bei guten Lichtverhältnissen genügend Reserven, um Bildausschnitte später am PC zu vergrößern. Nummernschilder vorausfahrender oder stehender Fahrzeuge sind unter guten Bedingungen klar erkennbar. Das sollten sie auch: Gerade bei Nummernschildern bewirbt der Hersteller eine gezielte Verbesserung, indem die Bildverarbeitung relevante Bildregionen priorisiert. In der Praxis sind Kennzeichen tagsüber meist bis ungefähr 70 km/h zu erkennen, obwohl der Rest des Fahrzeugs unscharf wirkt – erstaunlich! Im Vergleich zum Vorgänger A810 fällt der Fortschritt bei Tageslichtaufnahmen insgesamt eher gering aus, wenn man dem Tenor aus Tests und Foren Glauben schenken darf.
Einschränkend wirken sich allerdings erneut die 30 Bilder pro Sekunde aus. Gerade bei schnell vorbeifahrenden Fahrzeugen oder generell hohem Geschwindigkeitsunterschied entsteht dadurch Bewegungsunschärfe, die bisweilen trotz der eigentlich scharfen Aufnahmen das Erkennen einzelner Details verhindert. Der Bildwinkel von 146 Grad erfasst dafür einen großen Bereich vor dem Fahrzeug, ohne zu sehr in eine Fischaugen-Optik mit typischen Verzerrungen abzudriften. Reflexionen des Armaturenbretts bleiben ein generelles Problem, dem man am besten mit einem optionalen CPL-Filter begegnet.
Nachts hält sich die Frontkamera ebenfalls ordentlich. Hier scheint der Unterschied zum Vorgänger größer zu sein. Dank Starvis 2, HDR und lichtstarker Optik können innerorts viele Nummernschilder identifiziert werden, sofern die Szenerie halbwegs beleuchtet ist. Von perfekten Nachtaufnahmen ist aber auch die A810S wie die meisten Konkurrenten ein gutes Stück entfernt. So gibt es auch hier Bildrauschen und Artefakte in dunklen Bereichen, während helle Ampeln und Straßenlaternen bisweilen grell und überstrahlt sind. Erstaunlich: Nummernschilder entgegenkommender Autos mit eingeschalteten Scheinwerfern sind innerorts oft noch in ein oder zwei Frames dank der speziellen KI-Funktion zur Nummernschilderkennung recht gut abzulesen, während der Rest des Fahrzeugs nachts dann eher unscharf wirkt.
Die Heckkamera fällt qualitativ sichtbar ab. Ihre Auflösung mit 1080p reicht, um Abläufe und Fahrzeugpositionen zu dokumentieren. Für Kennzeichenerkennung in größerer Entfernung fehlen jedoch auch bei Tag die Reserven der 4K-Frontkamera.
Sonderfunktionen
Die wichtigste Neuerung der A810S ist die längere gepufferte Notfallaufnahme. Erkennt der G-Sensor einen möglichen Unfall, kann die neue Kamera je nach Aufnahmesituation und Schleifeneinstellung Material von 10 Sekunden bis zu 3 Minuten vor dem Ereignis sichern. Anschließend werden weitere 30 Sekunden gespeichert. Das ist gegenüber der kurzen Voraufzeichnung der A810 ein guter Fortschritt, denn bei einem Unfall liegt die Ursache oft vor dem eigentlichen Auslösen der Aufnahme.
Die hohe Empfindlichkeit des G-Sensors sorgt zwar dafür, dass in einer echten Notsituation vermutlich eine automatische Aufnahme gestartet wird. Je nach Einstellung löst diese Art der Ereigniserkennung auf Fahrbahnschwellen oder sogar schnell genommenen Kurven gelegentlich selbst bei sehr niedriger Einstellung aus. Das füllt dann den Ordner mit geschützten Ereignisvideos unnötig schnell, hat sonst aber keine weiteren Nachteile.
Für den Parkbetrieb bietet die A810S Kollisionserkennung, Zeitraffer-Aufnahmen und eine KI-gestützte Bewegungserkennung sowie Lumi Vision. Bei verdächtiger Bewegung startet die Kamera eine Aufnahme. 70mai gibt an, dass dabei beide Kanäle synchron für 30 Sekunden aufzeichnen. Lumi Vision ist im Gegensatz zu Night Owl Vision, das für die Fahrt entwickelt wurde, speziell für dunkle Parksituationen gedacht und arbeitet mit angepasster Belichtung und Verstärkung.
Sämtliche Parkfunktionen benötigen eine dauerhafte Stromversorgung. Dafür genügt ein kompatibles Hardwire-Kit; für Fernzugriff und 4G-Funktionen ist hingegen das 4G-Hardwire-Kit mit Mobilfunkanbindung erforderlich.
Mit 4G-Kit erweitert sich die A810S funktional deutlich. Die App kann dann Benachrichtigungen schicken, ein Livebild anzeigen und beim Wiederfinden des Autos helfen. Außerdem sind damit eine Überwachung der Fahrzeugbatteriespannung und Live-GPS-Tracking vorgesehen. 70mai aktualisiert die Position bei der Routenverfolgung alle 15 Sekunden; je nach Tarif sind unterschiedlich viele Abrufe pro Monat erlaubt. Geo-Fence ist im Basic-Tarif noch nicht enthalten.
Akku
70mai hat bei der A810S den Lithium-Akku der A810 durch einen Superkondensator in Kombination mit einer kleinen Knopfzelle ersetzt. Gerade im Sommer, wenn im Inneren eines Autos schnell Temperaturen von 50 Grad und mehr erreicht werden, ist das sinnvoll. Lithium-Akkus altern bei dauerhaft hohen Temperaturen schneller und können sich im Defektfall aufblähen.
Ein Superkondensator gilt in diesem Einsatzgebiet als temperaturrobuster und sicherer. Das kann im Extremfall sogar einen Brand auslösen. Der Superkondensator ist auf kurze Energiepufferung und eine höhere Widerstandsfähigkeit gegenüber Temperaturbelastungen ausgelegt. Ohne Strom vom Fahrzeug geht die Kamera im Gegenzug nach wenigen Augenblicken aus.
Preis
Der aktuelle Straßenpreis der A810S beginnt bei 170 Euro ohne zusätzliche Heckkamera. Im Set mit der getesteten RC24 steigt der Preis auf 220 Euro.
Fazit
Die 70mai A810S ist eine gute Dashcam mit bei Tag scharfen 4K-Videos. Auch bei Nacht liefert sie gute Ergebnisse mit den typischen Einschränkungen, die auch bei der Konkurrenz gegeben sind. Nummernschilder sind bei gutem Licht häufig zu erkennen, bei Nacht hingegen trotz spezieller KI-Lösung seltener. Ein Grund dafür ist vor allem die mit 30 Bildern pro Sekunde heutzutage nur noch durchschnittliche Bildwiederholungsrate. Die FHD-Heckkamera dient zudem eher dazu, das Geschehen hinter dem Auto grob beurteilen zu können. Für mehr fehlt es an Details.
Ein Pluspunkt ist die jetzt deutlich länger gepufferte Notfallaufnahme, die bis zu drei Minuten vor dem eigentlichen Auslöser zurückreichen kann. Mit 4G-Hardwire-Kit lässt sich der Nutzungsumfang zudem deutlich erweitern – mit entsprechenden laufenden Kosten wohlgemerkt. Ein Wechsel vom Vorgänger ist nicht unbedingt nötig; als generelle Neuanschaffung machen Interessenten mit der A810S hingegen nichts falsch.




