Wedium will Social Media reparieren


Mit Wedium ist ein neues soziales Netzwerk an den Start gegangen, das vieles besser machen will – diesmal aus Berlin. Die Plattform ist ab sofort in Deutschland, Österreich und der Schweiz verfügbar und setzt auf eine Ausweispflicht, europäische Server und echte Menschen statt Algorithmus-Chaos. Der Ansatz ist zwar sympathisch und in vielen Punkten überfällig. Doch Sympathie allein hat noch kein Netzwerk groß gemacht. Eine kommentierende Analyse.

Was ist Wedium?

  • „Verifizierte Menschen statt Bot-Armeen, fairere Erlöse für Creator und Medien, altersgerechter Jugendschutz und menschliches Community Management“: Das verspricht das in Berlin entwickelte digitale Netzwerk Wedium. Die Plattform startete am 31. Juli 2026 in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ziel des Unternehmens ist laut eigenen Angaben ein digitaler öffentlicher Raum, in dem Menschen, Medien, Marken und gesellschaftliche Organisationen nicht gegeneinander antreten, sondern als Teile eines Ganzen ein gemeinsames Ökosystem bilden.
  • Um Inhalte auf Wedium sehen und liken zu können, genügt eine Registrierung per E-Mail. Wer jedoch Inhalte erstellen und mit anderen Nutzern interagieren will, muss sich, ähnlich wie bei dem schwedischen Netzwerk W Social, verifizieren. Heißt konkret: Nutzer müssen über WebID mittels ihres Personalausweises nachweisen, dass sie reale Menschen sind. Wedium betont, dass Dokumente nicht gespeichert werden. Die Idee hinter dem Verifizierungsvorgang ist es, automatisierte Massenaccounts, Bot-Netzwerke und künstlich erzeugte Reichweite möglichst zu verhindern.
  • Sämtliche Server von Wedium befinden sich in Europa. Neben der Verifizierung per ID setzt das Unternehmen vor allem auf Jugendschutz und unterschiedliche Voreinstellungen für bestimmte Altersgruppen. Das Mindestalter liegt bei dreizehn Jahren. Kinder und Jugendliche können sich nur über eine erziehungsberechtigte Person per ID anmelden. Werbung gibt es auf der Plattform zunächst nicht. Sie soll aber später eingeführt werden. Content Creator und professionelle Medien sollen perspektivisch an Erlösen beteiligt werden. Vor allem Medieninhalte sollen auffindbar bleiben und vertrauenswürdig eingeordnet werden.

Sympathie allein reicht nicht

Sogenannte soziale Medien sollten Menschen einst verbinden. Mittlerweile verbinden sie aber vor allem Empörung mit Reichweite. Hass, Hetze, Fake News und algorithmisch belohnte Provokation haben den digitalen Umgangston über die Jahre immer weiter verrohen lassen.

Dass Wedium das Soziale wieder in den Mittelpunkt rücken will, ist deshalb zunächst einmal so erfrischend wie gesellschaftlich überfällig. Denn: Anstand, Respekt, Niveau und Empathie sind in den meisten digitalen Räumen leider absolute Mangelware. Der Hebel von Wedium: Wer mitreden will, muss zunächst nachweisen, dass er überhaupt ein echter Mensch ist.

Diese Verifikation dürfte Bot-Armeen und automatisierte Massenaccounts zwar ausbremsen, stellt aber auch eine Einstiegshürde dar. Nicht einmal unbedingt aus Datenschutzgründen, sondern weil jeder zusätzliche Schritt potenzielle Nutzer abschreckt. Und auch eine Ausweiskontrolle macht Identitätsbetrug nicht unmöglich. Sie verschiebt lediglich die Messlatte.

Mit seinem europäischen Anspruch trifft Wedium zwar einen Zeitgeist, da das Vertrauen in US-Anbieter und politisch gelenkte Plattformen wie X (ehemals Twitter) vielerorts spürbar gesunken ist. Doch so begrüßenswert viele Ansätze und Ideen der Plattform auch sind: Wedium wird es verdammt schwer haben.

Denn Sympathie lässt sich oft leichter gewinnen als Nutzer. Oder: Am Ende wechseln nicht alle Menschen ihre digitale Heimat aus Prinzip, sondern nur dann, wenn der Mehrwert groß genug ist. Das wird auch die Bewährungsprobe für Wedium sein.

Stimmen

  • Medienwissenschaftlerin Nele Meissner, CEO und Mitgründerin von Wedium, in einem Statement: „Europa braucht nicht nur strengere Regeln für Plattformen aus anderen Teilen der Welt – Europa braucht eine eigene digitale Öffentlichkeit. Mit Wedium bauen wir einen Raum, in dem Freiheit, Verantwortung, Jugendschutz und technologische Souveränität von Anfang an zusammengehören.“ Lukas Backhaus, ebenfalls Mitgründer und Verantwortlicher für Community Management, ergänzte: „Vertrauen entsteht nicht durch einen weiteren Hinweis in den Nutzungsbedingungen. Es entsteht, wenn echte Menschen auf echte Menschen treffen – und im Konfliktfall auch ein echter Mensch ansprechbar ist.“
  • Auf Reddit herrscht in einem Subforum vor allem Skepsis. Ein Nutzer schreibt: „Ah schön, eine weitere europäische Entwicklung, die schon vor dem Start tot ist.“ Ein anderer meint: „Sieht zudem aus wie eine billige TikTok-Nachmache und schon die Homepage ist extrem langsam zu scrollen.“ Wiederum ein anderer Nutzer schreibt: „Es gibt längst hunderte Mastodon, Friendica und was weiß ich Instanzen, die in Europa laufen. Kann man sogar selbst hosten, wenn man will. Nutzen halt nicht genug Leute.“
  • Tim Hoffmann, Persönlicher Referent des Generalsekretärs der CDU Deutschland, hat in einem Blogbeitrag für die Konrad Adenauer Stiftung bereits W Social kritisiert. Für Wedium dürfte aus seiner Sicht Ähnliches gelten: „Das Kernproblem demokratischer Kommunikation ist nicht die Plattform. Es ist die Bereitschaft zum offenen Diskurs; besonders dort, wo er wehtut. (…) Deutungshoheit entsteht nicht durch Rückzug. Sie entsteht durch Präsenz, durch Widerspruch, durch das wiederholte Einmischen in Debatten, die man lieber meiden würde. Wer das Feld räumt, darf sich nicht wundern, wenn andere es bestellen.“

Die drei größten Hürden für Wedium

Die größte Herausforderung für Wedium wird nicht technischer Natur sein, sondern der Netzwerkeffekt. Denn: Der Markt ist inzwischen voll von Plattformen, die alle ein besseres, freundlicheres oder freieres Internet versprechen. So rühmlich viele dieser Ansätze auch sein mögen: Wedium, W Social, Mastodon und Co. stehen sich gegenseitig im Weg.

On top kommt die bewusste Entscheidung für ein geschlossenes System. Heißt konkret: Wedium setzt im Gegensatz zu anderen kleinen sozialen Netzwerken nicht auf das sogenannte AT-Protokoll. Einerseits grenzt sich das Unternehmen dadurch ab. Andererseits können Nutzer Profile und Inhalte dadurch nicht von und zu anderen Plattformen wie Bluesky, dem mit über 40 Millionen Nutzern größten Netzwerk, das das AT-Protokoll nutzt, übertragen.

Ein geschlossenes System stärkt zwar die Kontrolle über das eigene Ökosystem, erschwert aber zugleich den Aufbau einer gewissen Zahl an Nutzern. Hinzu kommt: Fernab der durchaus löblichen technischen Grundgedanken, die auf Souveränität, Offenheit und Transparenz beruhen, bietet Wedium optisch und funktional kaum etwas Neues. Im Gegenteil: Die Plattform gleicht einem TikTok-Klon.

Hier wäre durchaus Spielraum gewesen, um etwas Neues zu versuchen und einen zusätzlichen Mehrwert auf funktionaler Ebene zu schaffen und Nutzer anzulocken. Aber: Was nicht ist, kann ja vielleicht noch werden. Entscheidend wird letztlich aber vor allem sein, ob Nutzer den versprochenen Mehrwert tatsächlich höher bewerten als die zusätzlichen Hürden. Wird die Ausweisregistrierung akzeptiert?

Lässt sich ein tragfähiges Geschäftsmodell entwickeln, wenn Werbung geschaltet und Erlöse für Creator und Medien finanziert werden müssen? Und was passiert mit dem Versprechen eines menschlichen Community-Managements, falls die Plattform doch einmal Millionen Nutzer erreichen sollte? Der Anspruch ist zwar sympathisch, wird aber mit jedem neuen Nutzer ein Stück weit teurer und schwieriger umzusetzen.

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