41 Prozent wollen lieber ohne ChatGPT arbeiten


Immer mehr Beschäftigte haben genug von KI. Gleich mehrere aktuelle Studien zeigen, dass statt der oftmals versprochenen Produktivitätsgewinne viele Menschen mentale Erschöpfung, sinkende Motivation und kreative Blockaden erleben. Forscher nennen dieses Phänomen auch Brain Fry. Eine kommentierende Analyse.

KI-Müdigkeit belastet immer mehr Beschäftigte

  • Immer mehr Beschäftigte sehnen sich nach einer Zeit ohne KI. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des Technologieberatungsunternehmens Adaptavist. Demnach würden 41 Prozent der sogenannten Wissensarbeiter in Deutschland lieber ohne künstliche Intelligenz arbeiten. Einer der Hauptgründe (45 Prozent): Die Auseinandersetzung mit minderwertigen KI-Inhalten, die Aufgaben weniger sinnvoll und repetitiver erscheinen lässt. 37 Prozent der Befragten fühlen sich dadurch weniger motiviert. Wiederum 25 Prozent sagten, dass KI-Modelle ihre Kreativität einschränken würden.
  • Eine Studie der Boston Consulting Group kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Menschen, die KI-Systeme intensiv nutzen oder überwachen, leiden demnach unter einer deutlich höheren mentalen Erschöpfung, einem Phänomen, das Forscher auch „Brain Fry“ nennen. Die Befragten beschrieben in diesem Zusammenhang ein Gefühl von geistiger Verwirrung. Damit gehen wiederum Konzentrationsschwierigkeiten, langsamere Entscheidungen und Kopfschmerzen einher. Für Unternehmen kann eine solche Entwicklung genau das Gegenteil des erwarteten Produktivitätsgewinns bringen. Der Grund: Fehleinschätzungen und überzogene Erwartungen.
  • Immer weniger Menschen in Deutschland glauben, dass Technologie zentrale Probleme der Menschheit lösen kann. Darunter: Armut, Hunger oder der Klimawandel. Das ist eines der Ergebnisse des TechnikRadars 2026. Vor allem der Einsatz von KI wird demnach kritisch beäugt. 85 Prozent stört es etwa, wenn KI ihnen Entscheidungen abnimmt. Einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom zufolge haben zwar rund drei Viertel der Nutzer Spaß an der Nutzung künstlicher Intelligenz. Mehr als 40 Prozent der Deutschen würden aber lieber in einer Welt ohne KI leben. Der Hintergrund: eine Mischung aus Skepsis, Unsicherheit und allgemeiner Ablehnung.

Nicht KI ist das Problem, sondern der Umgang mit ihr

KI-Müdigkeit ist kein plötzliches Phänomen. Sie ist das Ergebnis falscher Erwartungen und eines KI-Hypes, bei dem zwischen Heilsversprechen und Weltuntergangsszenarien kaum Platz für Zwischentöne bleibt. Das Problem: KI ist kein Messias, sondern ein Werkzeug. Und das will sinnvoll und gezielt eingesetzt werden, damit es effektiv ist.

Will heißen: Das Problem an KI-Müdigkeit ist nicht unbedingt die Technologie selbst, sondern ein oftmals inflationärer und gedankenloser Umgang mit ihr. Künstliche Intelligenz kann zwar vor allem dabei helfen, enorme Datenmengen auszuwerten und repetitive Aufgaben zu übernehmen. Allerdings produziert sie auch immer mehr Inhalte, die geprüft, aussortiert oder korrigiert werden müssen.

Sprich: Aus einer vermeintlichen Zeitersparnis kann schnell sogar ein Mehraufwand werden. Denn wer den halben Arbeitstag damit verbringt, KI-Ergebnisse zu kontrollieren oder zwischen unzähligen Tools und Browser-Tabs zu wechseln, arbeitet nicht effizienter, sondern schlichtweg hektischer. Das kann auf Dauer nervenaufreibend sein und zu Fehlern führen. Die Leidtragenden sind oftmals Kreativität und Konzentration.

Hinzu kommt ein Reflex, der derzeit in vielen Unternehmen zu beobachten ist: Hauptsache KI. Doch nicht jeder Prozess wird besser, nur weil ein Sprachmodell darüberläuft. Der mediale Hype hat vielerorts die Erwartung erzeugt, jede Software brauche plötzlich KI. Dabei wäre oft weniger mehr. Wer Mitarbeiter einbindet, Prozesse kritisch hinterfragt und sich auf wenige wirklich sinnvolle Werkzeuge konzentriert, dürfte langfristig erfolgreicher sein als jene, die jedem neuen KI-Trend hinterherlaufen.

Stimmen

  • Lisa Schaffer, Global Work Management Practice Lead bei Adaptavist, in einem Statement: „Wir erwarten von Menschen, dass sie schneller werden, intelligenter arbeiten und KI annehmen, während sich zugleich immer mehr von ihnen still fragen, ob es für sie zukünftig noch einen Platz gibt. Diese Spannung verschwindet nicht einfach von selbst. Sie schlägt sich in ihren Kennzahlen zur Mitarbeiterbindung, im Engagement und in ihrer Unternehmenskultur nieder. Aber hier liegt die Chance: Unternehmen, die diese Ängste ernst nehmen und neben der Technologie gezielt in ihre Menschen investieren, werden als Gewinner aus dieser Transformation hervorgehen. KI muss keine Unsicherheit bedeuten. Sie kann Wachstum bedeuten – wenn wir den Weg dorthin aktiv gestalten.“
  • Ralf Wintergerst, Präsident des Digitalverbands Bitkom, schlägt einen anderen Umgang mit KI vor: „Künstliche Intelligenz hat ein enormes disruptives Potenzial und verändert unseren Alltag und unsere Arbeitswelt in einem Tempo, das viele Menschen verständlicherweise verunsichert. Das beste Mittel gegen Verunsicherung ist Wissen. Wir brauchen flächendeckende Angebote, mit denen Menschen jeden Alters einen einfachen Zugang zu KI finden, von der Grundschule über die Berufsschule und den Arbeitsplatz bis zur Volkshochschule für Seniorinnen und Senioren. Ein digitaler Graben zwischen Menschen mit und ohne KI darf gar nicht erst entstehen.“
  • Josephine Hofmann, die am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation forscht, kennt das Phänomen KI-Kater. Gegenüber dem Magazin Impulse sagte sie: „Die Frage ist: Sind wir wirklich produktiver? Oder produziert die KI viel mehr Informationen, als wir eigentlich benötigen? (…) Was künstliche Intelligenz angeht, probieren Unternehmen gerade unglaublich viel aus. Teilweise fehlt dabei eine klare Systematik, was Beschäftigte überfordern kann.“ KI-Experte Jens Polomski schlägt in eine ähnliche Kerbe: „Mehrere KI-Tools parallel zwingen das Gehirn zu permanentem Multitasking. Gleichzeitig steigt die Erwartung an Beschäftigte. Führungskräfte sagen: Jetzt haben wir KI. Warum arbeitest du nicht schneller? Das macht kirre.“

Was sich ändern muss

Es sollte nicht immer darum gehen, was KI theoretisch alles kann. Wichtiger ist vielmehr, was sie gut kann und vor allem: was sinnvoll ist. Denn zwischen technischer Machbarkeit und einem praktischen Nutzen klafft oft eine größere Lücke, als die Heilsversprechen der KI-Anbieter vermuten lassen. Aber der größte Fortschritt entsteht nicht dort, wo möglichst viel automatisiert wird, sondern dort, wo Menschen spürbar entlastet werden.

Wer Beschäftigten lediglich erklärt, sie müssten sich eben an KI gewöhnen, wird auf Widerstand stoßen. Denn Akzeptanz entsteht nicht durch Ansagen, sondern durch Verständnis. Beschäftigte müssen die Möglichkeit erhalten, Chancen und Risiken selbst einzuschätzen und den Einsatz kritisch zu hinterfragen.

Andernfalls droht eine Endlosschleife aus Optimierungsdruck; mit immer mehr Tools, immer mehr Erwartungen und immer weniger Zeit für die eigentliche Arbeit. Oder: KI sollte vor allem wiederkehrende Aufgaben übernehmen, die unnötig belasten – und nicht ständig neue schaffen.

Am Ende wird sich der Erfolg nicht daran messen lassen, ob KI eingesetzt wird, sondern wie. Dafür braucht es klare Regeln, die Menschen in den Mittelpunkt stellen – und nicht nur Geschäftsinteressen oder die Faszination für das technisch Machbare.

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